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 Stäbe und Maßstäbe
[Abbildung zur Leseprobe]Kannten Sie Kant? Natürlich nicht persönlich, aber die Älteren werden sich zumindest an den von ihm entwickelten Kategorischen Imperativ erinnern, wie er in § 7 seines Grundgesetzes der reinen praktischen Vernunft steht: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne."

Das ist ein hoher Anspruch, dem nicht jeder zu entsprechen vermag - selbst Persönlichkeiten nicht, deren Stellenbeschreibungen in einem anderen Grundgesetz zu finden sind. Die hier gemeinten verwenden denn auch gern blumige Worte zur Umschreibung ihres Wertekanons wie Kompass oder Maßstab. Das soll Standfestigkeit suggerieren, verkommt aber gerade deshalb zur leeren Worthülse, denn ein Kompass zeigt lediglich zum magnetischen Nordpol; aus dieser Information aber den gesuchten, den richtigen Weg abzuleiten, bleibt eine eigene Leistung, die gelingen kann - aber nicht muss.

Auch kann es nur ein Hilfsmittel sein, wenn man einen Maßstab anlegt. Wichtig ist hier nicht das Hilfsmittel an sich - der Maßstab selbst ist völlig wertfrei -, sondern die Interpretation der ermittelten Maße. Wo hört Wahrheit auf, wo beginnt Halbwahrheit? Wann ist vollständige Transparenz gegeben und ab wann führt eine Salamitaktik zur gewollten Vernebelung?

Wir wollen nicht - jedenfalls hier nicht - den Stab brechen über andere, deren Vorbildfunktion derzeit zu erlöschen scheint. Freuen wir uns als Modellbahner lieber darüber, dass wir einen festen Maßstab besitzen, an dem sich die Modelle unserer Vorbilder ausrichten.

Zugegeben, auch in der Modellbahnwelt war das nicht immer so eindeutig. In der Baugröße H0 tummelten sich noch bis in die 60er-Jahre hinein Maßstäbe von 1:90 bis hin zu 1:82. Stellte man Fahrzeuge verschiedener H0-Interpretationen nebeneinander, waren die abweichenden Proportionen mit bloßem Auge sichtbar. Mit der Zeit hat sich für Halb-Null der Maßstab 1:87 herauskristallisiert, was nach der einfachen Division der Vorbild-Spurweite durch die Modell-Spurweite (1435:16,5=86,96) kaum verwundern kann.

Lediglich in der Baugröße 0 tobt heute noch ein verbittert geführtes Gerangel um die Maßstäbe 1:43,5 oder 1:45. Während die einen die Baugröße 0 tautologisch als doppelt so groß wie H0 definieren und dabei ausklammern, dass die Spurweite 32 mm eben nicht das Doppelte von 16,5 mm ist, richten sich immer mehr Hersteller nach dem mathematischen Ergebnis: 1435:32=44,84, der Einfachheit halber aufgerundet zu glatten 1:45. Ach, wäre doch auch auf anderen Gebieten der richtige Maßstab so simpel zu ermitteln - meint
Ihr Martin Knaden



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