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Man schrieb das Jahr 1952,
als mein älterer Bruder Georg eine Entdeckung machte.
Monat für Monat kratzte er dafür sein karges Taschengeld zusammen,
nicht etwa um die weitverbreiteten Sigurd- oder Tarzan-Heftchen zu erwerben - er investierte weitblickend in die Zukunft und kaufte die MIBA! Damals erschien das dünne Heftchen sechzehnmal im Jahr und kostete DM 1,50 + 0,50 Teuerungszuschlag - für einen Vierzehnjährigen immerhin ein kleines Vermögen.
Dafür wurden die Hefte aber auch von vorne bis hinten verschlungen,
die Beiträge eröffneten uns eine neue Welt.
Leider konnten all die faszinierenden Anregungen kaum umgesetzt werden,
denn es fehlte an den nötigen finanziellen Mitteln.
Auch der Kauf der Eisenbahnliteratur mußte schließlich aus "monetären Gründen" wiedereingestellt werden.
Das war Pech für mich; nun konnte ich keine Bilder mehr gucken,
denn mit dem Lesen war es für mich als gerade Fünfjährigem noch nichts! - Dennoch,
diese frühen Erfahrungen hatten unabsehbare Folgen!
Was macht ein Dreikäsehoch mit einem vom Eisenbahnfieber gepackten großen Bruder? Zwangsläufig steckt er sich an! Seine bunten,
fein säuberlich in Tusche auf Pergamentpapier gezeichneten Gleisplanentwürfe interessierten mich sehr,
wenn es auch einige Zeit dauern sollte,
bis ich begriff,
was sie darstellten.
Unsere damalige Mietwohnung bot keinen Platz für eine stationäre Anlage.
Weihnachten und ab und an auch einmal übers Jahr wurde die Märklin-Bahn aufgestellt.
Schreibtisch und Bücherregal,
verbunden durch ein Brett,
bildeten die wackelige Grundlage für die "Hauptstrecke mit abzweigender Nebenbahn".
Nach einem Umzug stand ein geeigneter Kellerraum für die erste stationäre Anlage zur Verfügung.
Der fast vollständige vorhandene MIBA-Band hatte unauslöschlich seine Spuren hinterlassen.
Die Fiktion eines gewissen Linn H.
Westcott in seinem Beitrag "Wenn ich eine Million hätte" verfolgte uns so weit,
daß Bruder Georg nach dessen Vorbild eine mehrteilige Zungenanlage für unser neues Kellerdomizil plante.
Leider fehlte uns das besagte "Milliönchen".
Zudem waren Märklin-Artikel auch damals schon für Schüer "sauteuer"! Nur durch Sparen und Gelegenheitsarbeiten wie etwa Auto-waschen oder Gartenumgraben waren sie zu finanzieren.
Gleisplanung,
Anlagenunter- und Gleistrassenbau standen unter der Regie meines Bruders.
Die Landschaftsgestaltung dagegen war mein Metier,
oder sollte ich besser sagen das der MIBA? Wie oft ich die Hefte gelesen,
Bilder studiert und Anregungen ausprobiert habe,
kann ich nicht mehr sagen - sie weisen jedoch mehr als deutliche Gebrauchsspuren auf,
schließlich bildeten sie die Grundlage meines Eisenbahnwissens jener Zeit.
Ich weiß nicht mehr,
wie viele Anregungen aus der MIBA in Angriff genommen wurden; auf Anhieb hat nicht immer alles geklappt.
Aber wer kann von sich behaupten,
kein Lehrgeld gezahlt zu haben? Einige der frühen Versuche sind noch in meiner Sammlung erhalten,
wenn auch aus Sicht des heutigen,
kritischen Modellbahners völlig unzureichend gebaut.
Dann entstanden 1971 mit der Kodak-Retina III S meines Vaters die ersten Bilder.
Bilder? Eigentlich waren es abstrakte,
nebelhafte Schemen,
die ich beim Fotohändler abholte; mit etwas Phantasie konnte man auf manchen sogar etwas Bahnähnliches erkennen.
Schärfe und richtige Belichtung ließen arg zu wünschen übrig,
von Bildaufteilung oder ausreichender Ausleuchtung ganz zu schweigen.
Kein Wunder,
denn Fotografieren will wie jedes Handwerk erlernt sein.
Begriffe wie Tiefenschärfe,
Parallaxenverschiebung,
Blendeneigenschaften,
Schwarzschildeffekt waren mir gänzlich unbekannt.
Nach dem Studium eines Foto-Buches und vielen,
teils sehr ernüchternden Versuche war ich soweit,
daß man die Ergebnisse mit Einschränkungen abdrucken konnte (ich sehe noch heute den regelmäßigen Hinweis in der MIBA: "Fotos bitte 9x12 schwarzweiß,
glänzend!").
So erschien mein erster Beitrag in der MIBA 11/72: ein sechsseitiger Anlagenbericht über die "Müngersdorfer Kellerbahn" ("MüKeBa").
Es folgte ein zweiter Beitrag; und von WeWaW kam der freundliche Hinweis,
eine Verbesserung der Fotoqualität sei für eine weitere Tätigkeit sicher nicht hinderlich.
Es hat aber noch eine Weile gedauert,
bis ich mit Vaters wenig geeigneter Kamera,
zwei einfachen Lampen,
Vorsatzlinsen,
Zollstock und viel Phantasie die ersten wirklich brauchbaren Nahaufnahmen zustande gebracht habe.
Der Lohn waren weitere Beiträge und die ersten Titelbilder.
Vor allem die frühen Hefte WeWaWs haben bleibende Wirkung hinterlassen.
War es die Aufbruchsstimmung in der Nachkriegszeit,
die mit meinen Kinder- und Jugendjahren zusammenfiel? Sicher ist man in dieser Zeit besonders aufnahme- und begeisterungsfähig! Die MIBA war stets praxisbezogen und voller Anregungen,
Tips und Kniffe.
Vieles mußte man eben selbst bauen.
Nicht nur bei Fahrzeugen waren Eigenbauten angesagt; aus Öldosen entstanden Tanklager,
Sperrholz,
Grieß und Klopapier dienten als Grundmaterial für Gebäudemodelle,
aus Hartfaserplatten entstanden Viadukte und Kunstbauten,
Draht und Obstkerne verwandelten sich in Miniaturfiguren.
Die Industrie hat uns heute Modelle beschert,
von denen seinerzeit hinsichtlich Detaillierung,
Gestaltung und inzwischen sogar Laufkultur sei-nerzeit niemand zu träumen wagte.
Darauf will heute keiner mehr verzichten! Eins sollte darüber jedoch auf keinen Fall vergessen werden: das Bemühen um eine eigene,
individuelle Miniaturwelt. Bruno Kaiser
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