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 Faszinosum Deutsche Reichsbahn?
[Abbildung zur Leseprobe]Zugbildung - das ist ein Gebiet, in das der Blick des Reisenden niemals eindringt; er ist es gewohnt und hält es für selbstverständlich, 'seinen' Zug auf dem Bahnhof abfahrbereit vorzufinden, dass die Wagen nach ihren Reisezielen beschildert, Raucher-, Nichtraucher- und Frauenabteile im richtigen Verhältnis verteilt sind; der Reisende erwartet, dass genügend Sitzplätze vorhanden sind und bei starkem Andrang, wie z.B. beim Ferienbeginn, Vor- und Nachzüge eingelegt werden. Aber wie die Reichsbahn das schwankende Verkehrsbedürfnis erfüllt, nach welchen Grundsätzen und Plänen die Züge gebildet werden, darüber zerbricht er sich nicht den Kopf".

Nein, darüber zerbricht er sich nicht den Kopf, der Reisende von 1935 - denn von ihm ist hier die Rede: Der Text stammt aus der opulenten Jubiläumsschrift "100 Jahre deutsche Eisenbahnen", mit der die Deutsche Reichsbahn nicht nur den Bahn-Geburtstag feiert, sondern auch die Zeit, in der er stattfindet. Symbolfigur dafür ist Julius Dorpmüller, seit 1926 Reichsbahn-Generaldirektor und ab 1937 auch Reichsverkehrsminister. Der von den deutschen Eisenbahnern nachgerade verehrte und weltweit anerkannte Eisenbahnfachmann - auch er wandelt sich in diesen Jahren: "Mit vielen kleinen Schritten wurde aus dem weltoffenen Dorpmüller aus der Zeit vor Hitler nun der angepasste deutsche Beamte im 'Dritten Reich'"(Alfred Gottwaldt). Wir wollen diese Ambivalenz unseres Themas, an die auch die Titelzeilen erinnern, nicht vergessen.

Faszinierend ist sie allemal, die Beschäftigung mit dem Betrieb der Reichsbahn. Das über ganz Deutschland gespannte Eisenbahnnetz mit seinen vielfältigen Verknüpfungen, FDt-Läufen und Kurswagen-Verbindungen fordert auf dem Höhepunkt der so genannten "Epoche II" Höchstleistungen von allen Eisenbahnern - von den am Schreibpult die Zugbildung planenden Beamten genauso wie von den Rangierern draußen, die in Hannover oder Halle, Eichenberg oder Corbetha Reisezüge in Minutenschnelle auflösen und wieder neu verbinden. Das abwechslungsreiche Bild dieser Züge, zumeist zusammengestellt aus Wagen verschiedener Länderbahn-Bauarten, zwischen die sich zunehmend moderne Einheitskonstruktionen reihen, fasziniert bis heute Eisenbahnfreunde und Modellbahner ebenso wie der Rangierbetrieb auch auf kleinen Zwischenstationen: Schnellzug-Kurswagen von Dortmund oder Berlin in die beschauliche Zielstation der Sommerfrische sind bei der Reichsbahn genauso selbstverständlich wie die Beförderung oft mehrerer Post- oder Eilgutwagen auch in Eil- und Personenzügen.

Die hier erstmals veröffentlichten Original-Zugbildungspläne der Deutschen Reichsbahn dokumentieren dies auf anschauliche Weise. Gleichfalls zum ersten Mal wurde versucht, einzelnen Zugfotografien dieser Epoche die entsprechenden Reihungspläne zuzuordnen. Dass dies eine akribische Auswertung der Aufnahmen voraussetzte, liegt auf der Hand: Oft genug ist gerade einmal die Betriebsnummer der Lokomotive zu erkennen oder vom Fotografen notiert worden, nicht aber Zugnummer, genauer Aufnahmeort oder gar das genaue Aufnahmedatum. Dass dennoch zahlreiche, nur vage oder gar nicht bezeichnete (vor allem Schnellzug-) Fotografien genauer bestimmt werden konnten, verdankt sich der zusätzlichen, intensiven und vergleichenden Auswertung von Kursbüchern, Streckenkarten und Stationierungslisten - ein ebenso arbeits- wie spannungsreiches Puzzlespiel, dessen Ergebnisse keinesfalls Anspruch auf absolute Richtigkeit erheben; Ergänzungen und Korrekturen sind daher durchaus willkommen.

Die wortgetreuen Zitate aus amtlichen Verlautbarungen oder Dienstvorschriften mögen das besondere Fluidum jener Jahre ebenso vermitteln wie die stimmungsvollen Erzählungen bekannter Chronisten der Reichsbahnzeit. Ihnen gilt der Dank des Verfassers, nicht minder den Leihgebern der Aufnahmen und Dokumente sowie den Fotografen der Modellaufnahmen. Dankbar genannt seien auch Joachim Claus, Wolfgang Diener, Wolfgang Georgius, Hermann Hoyer, Josef Högemann, Thomas Landwehr und Ulrich Meyer, die - jeder auf seine Weise - zum Gelingen dieser Arbeit beigetragen haben.
small>Michael Meinhold


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