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 Moderne Zeiten
[Abbildung zur Leseprobe]Wie haben wir uns das vorzustellen: Moderne Zeiten bei der Eisenbahn? Jedenfalls nicht so wie in dem gleichnamigen Film mit Charlie Chaplin aus dem Jahr 1936, als sich die Blütezeit der Eisenbahn und der Dampflokomotive schon dem Ende näherte - der Mensch als willfähriger Sklave überdimensionaler Maschinen und aberwitziger Apparaturen, als seelenloser Arbeitsroboter in einer sinnentleerten Fließbandwelt, die nur ein Ziel hat: Rationalisierung. Allenfalls diese haben auch die wechselnden Bahnvorsteher zur Maxime ihres Handelns erklärt. Schlank und wirtschaftlich soll die DB AG der Zukunft sein - und natürlich kundenfreundlich und servicestark, denn Fahrgäste braucht die Bahn auch im Jahr 2010 noch.

Eingefleischten Bahnfans ist schon das neuzeitliche Vokabular ein Graus. Charlie Chaplin zappelte willenlos an monströsen Hebeln und Rädern, aber immerhin zischte, pfiff, polterte im Hintergrund eine gigantische "lebende" Dampfmaschine. Kalt, konturlos, klinisch wie eine DB-Presseerklärung geben sich heutzutage die Lok-Cockpits, in denen schattenhaft leblos wirkende Fahrzeugführer mithilfe einiger Tasten und Regler das Fortkommen besorgen, einzig das sanfte Summen von Rechnerlüftern oder das schallgedämpfte Brummen von Dieselmotoren ist noch als bahnkosmisches Hintergrundrauschen zu vernehmen. Vom Äußeren moderner Bahnfahrzeuge mal ganz abgesehen, das den MIBA-Spezial-Redakteur zur Titelzeile "Zäpfchen und Ziegelsteine" (S. 18) verleitete - dem bekennenden Epoche-III-Fan ist nicht nur marketingdurchseuchtes Bahndeutsch zuwider. Einerseits ...

Andererseits, so stellt derselbe MIBA-Spezial-Redakteur resignierend fest, wird man sich an das Erscheinungsbild moderner Triebwagen und die rote Farbgebung heutiger Lokomotiven gewöhnen müssen. Recht hat er - und das ist gut so. Denn schließlich lässt sich nicht nur über Fragen des Äußeren und vor allem des Designs trefflich streiten, sondern auch über Sinn und Wert der modernsten Bahnepoche für uns Modellbahner. Langweilig, eintönig, unattraktiv? Einspruch: Die jüngste Epoche der Bahn ist erst gut eine Dekade alt und schon füllt die Liste der neuen Loks und Triebzüge (fast) eine MIBA-Druckseite und die Aufstellung entsprechender Modelle eine weitere. Betriebsabläufe zum Einschlafen? In Ludwig Fehrs Modellbahnhof "Kleinbonnum" kreuzen vier "Talente" - ganz vorbildgemäß (S. 28ff.). Als Lokführer und Fahrdienstleiter auf einer modernen Modell-Privatbahn fallen einem sicher nicht die Augen zu (S. 54). Und wer auf seiner Anlage einen Containerbahnhof, und sei der auch noch so klein im Vergleich zu aktuellen Vorbildern, umsetzt, kommt dabei mindestens so ins Schwitzen wie MIBA-Autor Bruno Kaiser ab S. 48.

Dass die Modellbahnerei per se rückwärtsgewandt ist, ist ein alter Hut. Ausnahmen wie die "Utopia"-Anlage ab S. 6 bestätigen die Regel. Wir von MIBA-Spezial haben uns immerhin vorgenommen, stets auf der Höhe der Zeit und unserer Leser zu sein, aber auch nicht weiter - mit unseren Themen und ihrer Darbietung. Das galt für die bisherigen 50 Spezial-Ausgaben und soll auch für die Zukunft (mit mindestens weiteren 50 Spezials, wenn Sie wollen!) Bestand haben. Moderne Zeiten hin oder her - da sind wir ganz konservativ.
Thomas Hilge


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