Grenzen - Fluch und Segen zugleich in sozialen Gesellschaften! Wir erhalten die notwendige Orientierung durch Grenzen und träumen zugleich von grenzenloser Freiheit.
Wir errichten Grenzen und wir leiden unter Grenzen.
Wir grenzen uns ein,
wir grenzen andere aus.Grenzen sind keine Erfindung des Menschen,
sie gehören zur Kultur ebenso wie zur Natur.
Schon relativ niedere Arten besitzen ein Revier,
das es zu schützen und verteidigen gilt,
das Wohlbehagen durch Vertrautheit vermittelt und bei dessen Verlassen mit Übergriffen von Artgenossen gerechnet werden muss.
Grenzen trennen also Bekanntes von Fremdem,
sie sind somit nicht immer absolut,
sondern im täglichen Erleben oft abhängig von unserer subjektiven Sichtweise.
Die Mitgliedschaft in einer Gruppe ist teils vorgegeben,
teils frei gewählt,
meist aber definiert sich über die eigene Zugehörigkeit die Abgrenzung zu Mitgliedern anderer Gruppen. Es gibt Grenzen in den unterschiedlichsten Ausprägungen: Beginnend bei der unsichtbaren,
aber dennoch messbaren Fluchtdistanz von etwa 70 cm zwischen Fremden (wer näher an sein Gegenüber herantritt,
löst Irritationen aus) über die schlichte Verwaltungszuständigkeit z.B.
eines Regierungsbezirks bis hin zur waffenstarrenden,
schier unüberwindbaren Festung aus Beton,
die - wenn auch äußerst handfest - trotzdem unbegreifbar ist. Grenzen im „klassischen“ Sinne sind aber solche zwischen Staaten - und schon ist der Modellbahner unvermittelt in der großen Politik gelandet,
denn auch die Zuständigkeit einer Bahnverwaltung endet in der Regel mit dem Territorium des jeweiligen Staates.
„Den Grenzen das Trennende nehmen“ war eine damals nur zu berechtigte Forderung,
die Altbundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner berühmten Rede zum 8.
Mai 1985 erhob.
Und wer könnte diese Forderung besser erfüllen als ein Transportunternehmen? Connecting people - was als Spruch eines Handyanbieters nur für virtuelle Verbindungen gelten kann,
ist doch bei der Bahn sehr viel realer. Selbst an die engen Grenzen des Rad-Schiene-Systems gebunden haben Eisenbahnen schon sehr früh Barrieren überschritten - die topografischen mit der Hilfe von Ingenieuren,
die politischen trotz der Hilfe von Bürokraten.
Hat auch die Politik der Bahn nach Kräften Steine in den Weg gelegt,
auf Dauer lässt sich der Zug der Zeit nicht aufhalten! Und dennoch: Gerade Grenzbahnhöfe zählen ob ihres umständlichen Prozedere zu den betrieblich interessantesten Stationen der Bahn.
Dies gilt umso mehr,
je älter der dargestellte Zeitraum ist.
Das kann sich der Modellbahner zunutze machen: Warum soll man sich auf eine einzelne Bahnverwaltung beschränken,
wenn man auf einer Anlage derer zwei haben kann? Gerade die farbenfrohe Länderbahnzeit ist da ein dankbares Feld und nur Puristen wird es stören,
dass die Königreiche Preußen und Bayern in Wirklichkeit nie im fiktiven Bahnhof unserer Fotogeschichte (ab S.
12) aneinander grenzten. Auch in modernen Zeiten ist die Modellumsetzung benachbarter Betreiber stets reizvoll.
Im Beispiel unseres Anlagenvorschlags Bad Bentheim (ab S.
90) sind es mit DB,
NS und BE sogar drei.
Hinzu kommen noch Modelle von überregional tätigen Lokpools.
Derzeit sind 285 Eisenbahnverkehrsunternehmen zugelassen.
Einige betreiben eigene Netze,
alle haben aber ihre ganz spezielle Lackierung und bringen so eine bisher nicht gekannte Lokomotivenvielfalt auf Vorbild- wie Modellgleise. Haben wir also Grenzen nicht im Kopf,
sondern im Blick! Ein abwechslungsreicher Betrieb wird es uns danken.
Das vorliegende Spezial gibt für die Umsetzung vielfältige Anregungen. Martin Knaden
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