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Auf der Nürnberger Messe 1996 stellte Lehmann das Modell der "Rügenlok" 99 4633 als Neuheit vor. Dieses Modell ist der erste Vierkuppler im LGB-Programm. Grund genug, diese Lok etwas näher zu untersuchen.

In Norddeutschland wurden zahlreiche Kleinbahnen von der Eisenbahn Bau- und Betriebsgesellschaft Lenz und Co in Stettin, später in Berlin, erbaut und/oder betrieben. Lenz-Bahnen gab es in den Spurweiten 1435, 1000, 900, 750 und 600 mm. "Hauslieferant" der Lenz-Bahnen war die Lokfabrik Vulcan in Stettin. Für die Lenz-Bahnen von 750 mm Spurweite entstand ab 1913 ein kräftiger Vierkuppler. Auch die Rügenschen Kleinbahnen (RüKB) erhielten 1913 und 1914 je eine Lokomotive dieser Baureihe M mit den Betriebsnummern 51M und 52M. Im Jahr 1925 wurde eine dritte Maschine, jetzt in Heißdampfausführung, mit der Betriebsnummer 53Mh für Rügen beschafft. Die Reihe Mh bewährte sich so gut, daß auch die beiden auf Rügen schon vorhandenen Loks der Reihe M im Jahr 1927 auf Heißdampf umgebaut und danach ebenfalls als Mh bezeichnet wurden.
Nach dem zweiten Weltkrieg erhielten die nun von der Reichsbahn übernommenen Lokomotiven die Betriebsnummern 99 4631 bis 4633. Letztere ist die 1925 gebaute Lok 53Mh und das Vorbild der neuen LGB-Lok. Während die älteren Maschinen der RüKB nach und nach durch kräftigere Loks von anderen Schmalspurnetzen ersetzt wurden, blieben die drei modernsten Loks der Rügenschen Kleinbahn weiter auf Rügen. Erst 1982 wurde die 99 3631 ausgemustert, ist aber museal erhalten. Die anderen beiden Loks sind heute noch auf Rügen vorhanden. Buchmäßig erhielten sie 1992 die neuen Betriebsnummern 099 770-0 und 099 771-8. Die neuen Nummern wurden jedoch an den Maschinen nicht angeschrieben. Heute tragen beide Maschinen wieder die grüne Lackierung und die Anschriften Mh 52 und Mh 53 der alten Rügenschen Kleinbahn.

Das Modell von LGB

Lehmann praktizierte schon immer erfolgreich eine Gratwanderung zwischen Spielzeug und Modellbahn. Daher war die Tatsache, daß die Lok beim Vorbild auf 750-mm-Spur rollt, für die Auswahl als 2m-Modell wohl weniger relevant. Vor diesem Hintergrund verliert die für Modelltests obligatorische Maßtabelle bei LGB-Loks etwas an Bedeutung. Das ist auch gut so, denn mit Ausnahme des Raddurchmessers wurde kein Maß vorbildentsprechend umgesetzt. Die Lok ist 16% zu breit, 14% zu hoch und 3% zu lang.
Die Detaillierung ist in diesem großen Maßstab erwartungsgemäß gut. Zahlreiche Details am Kessel sind einzeln angesetzt - ab Werk versteht sich. Die Glocke und einige Handräder erstrahlen in hellstem Messingglanz - wohl eine Konzession an die Spielbahner. Die Führerstandstüren lassen sich öffnen, ein Lokführer werkelt am Kessel, ein Heizer ist nicht auf der Lok. Am Fahrwerk ist die Detaillierung weniger vollständig. Sandfallrohre oder Bremsbacken sucht man vergeblich. Die Schienenräumer sind nur vorne rudimentär vorhanden.
Die beiden mittleren Achsen der Lok sind gefedert und werden über die Kuppelstangen mitgenommen. Die Kuppelstangen bestehen aus drei Teilen mit Gelenken an den Kurbelzapfen.
Positiv muß man anmerken, daß alles Vorhandene trotz der Detaillierung von erstaunlicher Robustheit ist. Den Dauerbetrieb vor langen 15 Wagenzügen, den meine beiden Sprößlinge mit der Lok durchführten, überstand sie ohne Blessuren. Das Gehäuse ist mit zahlreichen, zum Teil versteckten Schrauben am Untergestell befestigt. Das Zerlegen der Lok ist aufwendig, im Normalfall allerdings unnötig.
Die Lok ist im klassischen Schwarz/Rot der Reichsbahnloks gehalten. Die Farbgebung wirkt echt, ein plastikhafter Eindruck kommt nicht auf. Die Lok ist als Fahrzeug der Epoche 3 beschriftet, Untersuchungsdatum ist der 11.6.1965. Die Beschriftung ist sauber und abriebfest gedruckt. Leider stimmen die verwendeten Schrifttypen - insbesondere beim Lokschild - nicht mit denen des Vorbildes überein.
Ein siebenpoliger Motor treibt über zwei schrägverzahnte Schneckengetriebe und je eine Stirnradstufe die erste und letzte Kuppelachse praktisch lautlos an. Bekanntlich läßt ein solches Getriebe Kraftfluß in beiden Richtungen zu. Daher kann die LGB-Lok nicht nur problemlos geschoben werden, ohne Schaden zu nehmen, das Gewicht der Anhängelast wirkt sich auch vorbildentsprechend auf das Fahrverhalten aus - eine Lösung, die Schule machen sollte.
Über alle acht Räder wird der Strom abgenommen. Stromabnahmeprobleme treten so kaum auf. Am Stehkessel ist ein Schiebeschalter angebracht. Hier kann die Betriebsart "abgestellt", "abgestellt mit Beleuchtung" oder "Fahrbetrieb" gewählt werden. Die Rügenlok rollt in der Geraden leicht und fast ohne Widerstand. Für den Betieb im kleinsten LGB-Radius waren allerdings Konzessionen an die Modelltreue erforderlich: Der Gesamtradstand mußte um 16 mm gekürzt werden. Dennoch wird der Kurvenwiderstand im kleinen LGB-Radius so groß, daß die Lok deutlich langsamer wird. Als modellorientierter LGB-Fahrer wird man sicher die größeren Radien bevorzugen, dort tritt dieses Problem nicht auf.
Das Gewicht der Lok sowie ein Haftreifen auf der letzten Achse ergeben eine hohe Zugkraft von 695 g in der Ebene. Dies reicht für einen Zug von ca. 40 unbeladenen LGB-Wagen aus. Auf der 3%-Steigung werden immerhin noch 14 Zweiachser gezogen.
Die Betriebsanleitung erläutert zahlreiche Wartungsarbeiten auf, darunter in erster Linie Schmieren von Gestänge und Kreuzköpfen. Bei weiteren Arbeiten verweist die Anleitung an die Fachwerkstatt.
Die Rügenlok ist eine typische LGB-Lok. Robuster Ausführung, hervorragenden Laufeigenschaften und hoher Zugkraft steht eine relativ freie Interpretation des Vorbildes gegenüber. Für betriebsorientierte Gartenbahner ist das Fahrzeug sicher eine Bereicherung.
Bernd Beck

Maßtabelle 99 4633 von LGB
 Vorbild1:22,5LGB 
Längenmaße:
Länge über Kupplung7724343,3354
Überhang vorn201289,4105
Überhang hinten2312102,8112
Höhenmaße über SO:
Dachoberkante3150140159,5
Kesselmitte190084,493,5
Breitenmaße:
Breite gesamt2250100116,4
Spurweite75033,345
Radstände:
Gesamtachsstand3400151,1135
Radmaße:
Raddurchmesser85037,837,5
Alle Maß in mm
 
Meßwerte 99 4633 von LGB
Gewicht Lok: 3765 g

 

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