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Bei beiden Herstellern repräsentiert das Taurus-Modell den Stand der Technik bei der Triebfahrzeugkonstruktion. Die Roco-1016, schon Ende 2000 ausgeliefert, ist natürlich mit dem "Flüsterschleifer" und dem neuen lastgeregelten Digitaldecoder 10738 für das Märklin-Motorola-Format ausgestattet. Dieser lässt sich mit den Märklin-Steuergeräten 6020 und 6021 programmieren. Hightech auch im Inneren der Märklin-Maschine, wo neben dem Decoder der neue C-Sinus-Motor (hierzu MIBA 6/2000) werkelt. Eine zusätzliche Herausforderung besteht in der Verpflichtung an die jeweilige Produktphilosophie: Das Märklin-Modell entwickelt die hauseigene Tradition der Metalltechnologie weiter, während man bei Roco schon lange auf Kunststoff als Basis für exakte Modellnachbildung setzt.

Der erste Eindruck überzeugt bei beiden Fahrzeugen. Die abgeschrägte Kopfform ist hervorragend getroffen. Allerdings ist das Märklin-Modell durch die Verwendung des Fahrwerkes der BR 152 um 3,5 mm zu lang geraten. Der Blick aufs Dach ist bei modernen Typen nicht mehr besonders aufregend. Bei der 1016 lohnt er aber dennoch, da die ÖBB eine "klassische" Dachausrüstung haben wollte.

Für die Stromabnahme sorgen beim Vorbild zwei Stromabnehmer des ÖBB-Typs 8e, einer Weiterentwicklung des Siemens-Typs SSS 87. Auffällige Merkmale sind die zwei im Grundrahmen senkrecht angeordneten Luftbälge für den Antrieb und der an der Stirnseite angebrachte Ventilkasten. Beides hat Roco minuziös nachgebildet, was auch für die übrigen typischen Merkmale gilt, wie z.B. die eckige Form der (aus Druckguss hergestellten) Oberschere im Bereich des Kniegelenks. All dies vermisst man beim Märklin-Modell. Der hier verwendete Stromabnehmer entspricht eher dem DSA 350 vom ICE, seine Oberschere ist ein Drahtbiegeteil.

Bei Roco besteht die Dachleitung aus eingefärbtem Kunststoff. Die außermittige Befestigung mit Laschen an den korrekten Isolatornachbildungen entspricht in ihrem Verlauf exakt dem Vorbild. Auch der Anschluss des Oberspannungswandlers ist da. Nicht so bei Märklin. Die Dachleitung aus lackiertem Draht wurde in einen falschen Isolatortyp mit mittigem Schlitz eingedrückt. Die Verbindung zum Oberspannungswandler fehlt.

Der Hauptschalter des Typs BVAC von Sécheron und der dazugehörige Erdungsschalter wurden bei beiden Modellen prinzipiell richtig dargestellt. Bei der Nachbildung des Erdungsschalters (bei beiden Modellen ein extra angesetztes Teil) wurde die Optik bei Roco deutlich besser getroffen. Leider fehlen bei Märklin die Anschlüsse des Hauptschalters ebenso wie die weiterführende Leitung zum pastellblauen, viel zu hohen Überspannungsableiter. Alles findet man bei Roco in Form und Farbe korrekt vor.

Die 1016 hat auf der Seite 1 die hohe (350 mm) Ausführung der Zugbahnfunkantenne. Bei Märklin ist die Antennenverkleidung mit ihrem elliptischen Querschnitt in Form und Farbgebung absolut korrekt nachgebildet. Allerdings gibt es fälschlicherweise auch auf der Seite 2 eine Antenne. Roco hat zwar nur eine Antenne an der richtigen Stelle, Form und Farbe des gedrehten und silber vernickelten Metallteils sind aber falsch. Bei den überwiegend ebenen Dachhauben der modernen Elloks sorgt ein Strukturlack in den begehbaren Bereichen für Trittsicherheit. Seine Nachbildung ist nur beim Roco-Modell auszumachen.

Auch bei der Stirnfront unterscheiden sich die beiden Modelle. Sauber und präzise eingesetzt sind die Frontscheiben bei Roco, die Scheibenwischer sind als separate Teile angesetzt. Auch bei Märklin sind die Frontscheiben sauber von außen eingesetzt. Die angravierten Scheibenwischer sind bedruckt und ragen unten über, was eine korrekte Erscheinung sicherstellt. Nachteilig bei dieser Konstruktion sind allerdings die links und rechts sichtbaren Rastnasen des Fenstereinsatzes.

Ein schmaler Streifen unterhalb der Stirnfenster im Bereich der Griffstangen mit den beiden UIC-Steckdosen und den Scheibenwischerachsen ist beim Vorbild dunkelgrau lackiert. Die Breite dieses Streifens ist bei Roco vorbildgerecht, bei Märklin reicht er bis zu den Stirnlampen und ist somit deutlich zu groß ausgefallen. Die aus Drahtbiegeteilen angesetzten seitlichen Aufstiegsgriffstangen sind bei Roco in der Länge korrekt und zierlich ausgefallen, bei Märklin hingegen etwas zu kurz und grober. Dies liegt auch an den bei Märklin etwas zu hoch sitzenden Puffern (mit zu hohen Puffertellern).

Korrekt nachgebildet sind bei beiden Modellen die in der Maschinenraumseitenwand sitzenden Einstiegstüren. In beiden Fällen wurden die Griffstangen als Drahtbiegeteil eingesetzt, wobei jene von Roco zierlicher wirken. Auch wurden bei Roco die Auftrittsstufen unterhalb des Rahmens nachgebildet (sogar mit eingebranntem Schriftzug des Herstellers), bei Märklin fehlen sie völlig. Unterhalb der Rahmenunterkante befinden sich beim Vorbild die Sandkästen, Halterungen für die Geberleitungen sowie die Anzeigen für die Stellung von Federspeicherbremse und Bremszylindern beider Drehgestelle. Sandkästen findet man nur beim Märklin-Modell, alle übrigen Teile sind nur bei Roco am Rahmen an der richtigen Stelle nachgebildet.

Bei Märklin findet man in der Verpackung noch eine Tüte mit zwei silberfarbenen Teilen, über deren Verwendung sich die Betriebsanleitung leider ausschweigt. Diese Teile können (ab einem Radius von etwa 600 mm) in entsprechende Aussparungen im Fahrwerk eingesetzt werden und schauen nach dem Aufsetzen des Gehäuses unterhalb des Rahmens als die bereits erwähnten Anzeigeelemente für Federspeicherbremse und Bremszylinder heraus. Sie befinden sich wegen der Verwendung des Fahrwerkes der BR 152 genau an der korrekten Stelle für diese Lok, nämlich gegenüberliegend auf der Fahrzeugseite 1. Bei der 1016 sind sie dagegen diagonal versetzt angeordnet und die passende Beschriftung findet sich beim Märklin-Taurus auch an der richtigen Stelle ...

Der zwischen den Drehgestellen aufgehängte Transformator wurde von Roco allseitig mit frei liegenden Anschlussrohren nachgebildet, besonders hervorzuheben die sehr detailliert dargestellte linke Seite. Die Nachbildung bei Märklin beschränkt sich nur auf die Seitenteile. Anschlussrohre, die beim Vorbild (und bei Roco) in Fahrzeugmitte liegen, liegen hier fälschlich außen. Die ebenfalls links beiderseits vom Trafo angeordneten Batteriekästen sind bei Roco korrekt, bei Märklin jedoch zu groß ausgefallen. Die Drehgestellblenden sind in beiden Fällen ähnlich strukturiert. Rahmen, Achshalter, Schraubenfedern, Leitungen sind in einer Gravur vereint. Lediglich Stoß- und Schlingerdämpfer sind bei beiden separat angesetzt. Insgesamt gesehen ist aber die Wirkung der Gravur des Roco-Drehgestells wegen der feineren Darstellung von Details mit mehr Tiefenwirkung besser.

Beide Modelle sind sauber im vorbildgerechten Farbton seidenglänzend lackiert. Die Farbtrennkanten sind bei Roco präziser, insbesondere im Dachbereich durch die separat aufgesetzten Dachhauben. Die Beschriftung ist bei beiden Modellen inhaltlich und typographisch korrekt, bei Märklin feiner und präziser in der Ausführung.

Technik

Im technischen Aufbau entsprechen beide Lokmodelle den traditionellen Firmenphilosophien. Chassis und Drehgestelle bestehen aus Zinkdruckguss, das Gehäuse bei Märklin ebenfalls aus Zinkdruckguss, bei Roco aus Kunststoff. Bei Märklin kommt durch das höhere Gewicht des Gehäuses mehr anteiliges Reibungsgewicht auf das eine angetriebene Drehgestell. Bei Roco sind nur drei statt der möglichen vier Achsen angetrieben, ein Tribut an den Platzbedarf des Skischleifers.

Unverändert die Antriebskonzepte: Bei Märklin der klassische Scheibenläufer in einem Drehgestell (in Form des C-Sinus-Motors) mit der Drehachse quer zur Fahrtrichtung und bei Roco der in Fahrzeugmitte angeordnete Motor mit der Drehachse in Fahrzeuglängsrichtung und der Weiterleitung des Drehmomentes über Kardanwellen auf beide Drehgestelle und schließlich über je ein kombiniertes Schnecken-/Stirnradgetriebe im Drehgestell auf die Treibachsen.

Beim klassischen Märklin-Antriebskonzept gibt es durch den Einsatz eines Stirnradgetriebes keine Selbsthemmung und einen relativ geringen inneren Widerstand. Die Lok kann ohne Schaden für das Getriebe geschoben werden. In Verbindung mit dem C-Sinus-Motor allerdings, der so gut wie kein Rastmoment hat, kann das überraschende Folgen haben. Wenn ein schwerer Zug in einer Steigung zum Halten gebracht wird, reicht bereits eine Hangabtriebskraft von 83 g aus, um ihn samt Lok wieder zurückrollen zu lassen. Ganz anders verhält sich das Schneckengetriebe bei Roco. Durch die Selbsthemmung steht die Lok in diesem Fall wie gebremst auf dem Gleis.

Die erreichbaren Zugkräfte sind bei beiden Loks dank jeweils vier Haftreifen fast identisch. Roco nutzt drei Viertel des Reibungsgewichtes aus, Märklin zwar nur die Hälfte, dank der Metalltechnik kann dennoch ein verhältnismäßig hoher Gewichtsanteil auf das angetriebene Drehgestell wirken. Die Zugkraftwerte sind für Modellbahnverhältnisse völlig ausreichend.

Märklins "Taurus" verfügt über eine eingebaute Platine, auf der sich die gesamte Digitaltechnik einschließlich zwei Potis befindet. Mit einem Poti lässt sich die Höchstgeschwindigkeit zwischen 190 und 287 km/h variieren. Ausgehend von der Nominalgeschwindigkeit von 230 km/h ein ungefähr gleich großer Regelbereich nach oben und unten. Darüber hinaus ist es beim Märklin-Modell mit C-Sinus-Antrieb über die Funktionstaste F4 noch möglich, die Geschwindigkeit generell auf den halben Wert zu reduzieren.

Die Anfahr- und Bremsverzögerung kann über das zweite Poti verändert werden. Auf diese Weise lässt sich vor allem das Auslaufverhalten beim Abschalten der Fahrspannung in einem vernünftigen Bereich von 500 mm bis knapp 300 mm hervorragend beeinflussen.

Roco verwendet einen lastgeregelten Decoder, der über die Schnittstelle angeschlossen ist. Die werksseitige Voreinstellung mit ca. 240 km/h bei voll aufgedrehtem Regler entspricht in etwa der Nominalgeschwindigkeit. Dieser Wert kann mithilfe der "Central Unit" 6021 von Märklin verändert werden. Leider nicht in optimaler Weise: Unterhalb der Fahrstufe 10 kann noch bis zur Stufe 02 heruntergeregelt werden, aber nur auf ca. 234 km/h. Nach oben lässt sich die Geschwindigkeit jedoch bis zur Stufe 80 einer logarithmischen Funktion folgend extrem deutlich erhöhen. Fast 450 km/h erreicht das Modell bei voll aufgedrehtem Regler. Besser wäre es gewesen, die nominelle Höchstgeschwindigkeit ungefähr in die Mitte des Einstellbereiches zu legen. Übrigens ist bei diesem Decoder die Fahrstufe 01 nicht die niedrigste Fahrstufe, sondern entspricht der Fahrstufe 80 mit Maximalgeschwindigkeit, allerdings ohne Lastregelung.

Auf die gleiche Weise wie die Höchstgeschwindigkeit lassen sich auch die Beschleunigung und die Verzögerung im Bereich von 80 Stufen einstellen. Die werksseitige Einstellung auf die Stellung 04 deutet schon darauf hin, dass es nach oben einen sehr weiten Bereich gibt, der für die Praxis kaum genutzt werden kann. Eine Anfahrverzögerung, bei der man überhaupt nicht feststellen kann, wann eigentlich die Endgeschwindigkeit erreicht worden ist, ist genauso wenig praxisgerecht wie eine Bremsverzögerung, bei der ein Modell mehr als 10 m bis zum Stillstand braucht.

Beide Modelle lassen sich gut regeln und sind auch im Fahrgeräusch angenehm leise. Bei einem ungünstigen Unterbau in Verbindung mit dem Märklin-C-Gleis gilt dies auch für das Roco-Modell, das dank des "Flüsterschleifers" hier Pluspunkte sammeln kann. Die Langsamfahreigenschaften sind wiederum bei beiden Modellen vergleichbar gut.

Selbstverständlich ist bei beiden Modellen eine konstante Stirn- und Schlussbeleuchtung, die sich zu- und abschalten lässt. Als besonderen Gag gibt es beim Märklin-Modell ein Signalhorn, das über eine Funktionstaste ausgelöst werden kann. Der Sound erinnert allerdings eher an eine amerikanische Diesellok.

Ein Normschacht ist bei beiden Loks vorhanden, eine Kurzkupplungskinematik aber nur bei Märklin.

Fazit

Von Märklin erhält man wegen der Verwendung des Fahrwerks der BR 152 ein nicht ganz maßstäbliches Modell, das zudem eine Reihe kleinerer Detaillierungsmängel aufweist. Hervorragend dagegen Farbfinish und Beschriftung sowie die fahrdynamischen Eigenschaften, die sich über die eingebauten Potis sinnvoll beeinflussen lassen. Die Zugkraft ist enorm, die Gefahr des Zurückrollens von schweren Zügen beim Halt auf Steigungen ist dagegen eine Einschränkung der Gebrauchstüchtigkeit.

Das Roco-Modell besticht durch absolute Maßstäblichkeit sowie sehr weit gehende Detaillierung. Die Zugkraft ist hervorragend. Die trotz der pfiffig gelösten Einstellmöglichkeiten nicht optimal ausgelegten Verstellbereiche für Geschwindigkeit sowie Beschleunigungs-, Verzögerungs- und Auslaufverhalten schmälern den sehr guten Gesamteindruck dieses Modells. Letztendlich spricht das Preis-Leistungs-Verhältnis für das Roco-Modell, dessen Ladenpreis im Schnitt um 15 Prozent günstiger ist als jener des Märklin-Taurus.
bz

Messwerte Reihe 1016 von Märklin und Roco

 MärklinRoco
Gewicht Lok:638 g502 g
Haftreifen:44
Messergebnisse Zugkraft
Ebene:283 g291 g
3% Steigung:269 g274 g
Geschwindigkeiten (Lokleerfahrt)
Vmax bei max. Programmierung: 287 km/h447 km/h
Vmax bei min. Programmierung: 190 km/h234 km/h
VVorbild:230 km/h230 km/h
Vmin bei max. Programmierung: 3,7 km/h4,1 km/h
Vmin bei min. Programmierung: 2,4 km/h4,1 km/h
Auslauf bei maximaler Bremsverzögerung
aus Vmax bei max. Programmierung:500 mm1560 mm
aus VVorbild bei max. Programmierung:370 mm570 mm
Schwungscheiben
Anzahl:1*2
Durchmesser: 20,0 mm15,8 mm
Länge:6,8 mm10,0 mm
* Rotor des C-Sinus-Motors
Ungefährer Preis:DM 450,-DM 390,-

Maßtabelle Reihe 1016 von Märklin und Roco in H0

 Vorbild1:87MärklinRoco
Längenmaße
Länge über Puffer:19 280221,6225,1221,0
Höhenmaße über SO
Dachoberkante:3 96645,646,045,6
Gesamthöhe Oberkante (Stromabnehmer gesenkt):4 35150,053,752,0
Breitenmaße
Breite Lokkasten:3 00034,534,434,4
Radstände
Gesamtachsstand:12 900148,3149,7149,3
Drehzapfenabstand:9 900113,8113,8113,7
Drehgestell-Achsstand:3 00034,535,935,6
Raddurchmesser:1 15013,214,013,2
Puffermaße
Pufferhöhe über SO:1 05012,113,012,1
Puffermittenabstand:1 75020,119,920,0
Radsatzmaße entsprechend Märklin-Hausnorm
Radsatzinnenmaß:- 14,0 +0,114,213,9
Radbreite:-3,2 +0,12 -0,023,13,2
Spurkranzhöhe:-1,35 +0,051,41,4
Spurkranzbreite:-0,9 +0,10,90,9
Alle Maße in mm

 

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