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Heutzutage sind völlige Neukonstruktionen selten, erst recht, wenn man sich als Vorbild eine so exotische Lokomotive aussucht wie die E 95, die ursprünglich für den Einsatz von Breslau-Brockau nach Arnsdorf gedacht war. Brawa hat diesen Schritt gewagt und - gewonnen! Bernd Beck stellt das Vorbild vor, und Bernd Zöllner hat das Modell der E 95 02 getestet.
Für ihre neu zu elektrifizierende Strecke vom Rangierbahnhof Breslau-Brockau nach Arnsdorf benötigte die Deutsche Reichsbahn Mitte der zwanziger Jahre eine schnelle und zugkräftige Lokomotive. Die geforderte Zugkraft bedingte mindestens sechs angetriebene Achsen, die geplante Geschwindigkeit beim damaligen Stand der Technik zusätzliche führende Laufachsen.
Nach verschiedenen konventionellen Entwürfen mit Stangenantrieben wurden schließlich 1924 sechs Maschinen bei AEG und Siemens bestellt. Während des Baues entschied man jedoch, die neue Lokomotive mit Einzelachsantrieb zu bauen. Ende 1927 wurde die erste der sechs Lokomotiven von der AEG geliefert. Die übrigen folgten bis Mitte 1928. Die letzten drei Maschinen erhielten ihre elektrische Ausrüstung nicht von AEG, sondern von Siemens-Schuckert.
Die Maschinen waren mit Rücksicht auf die vorhandenen Arbeitsstände in den Ausbesserungswerken als Doppellokomotiven ausgeführt, mit zwei nahezu identischen Lokhälften. Größere äußerlich sichtbare Unterschiede gab es lediglich bei der Dachausrüstung. Die beiden Lokhälften waren einzeln jedoch nicht betriebsfähig. Die Maschinen hatten eine Dauerleistung von 2418 kW. Mit einer Länge von 20,9 m und einer Dienstmasse von 138,5 t sind es bis heute die größten und schwersten deutschen Elloks. Bei Versuchsfahrten wurden Zuglasten von 2568 t befördert.
Die Loks waren bis Kriegsende im Bw Hirschberg stationiert, lediglich die E 95 06 war 1933 kurzzeitig in Kornwestheim stationiert, um Vergleichsfahrten mit der brandneuen E 93 auf der Strecke Stuttgart-München und besonders auf der Geislinger Steige durchführen zu können. Bei den Vergleichen zeigte es sich, daß die wesentlich einfachere und billigere E 93 der E 95 nicht unterlegen war. Daher blieb es bei nur sechs Maschinen E 95.
Die Lokomotiven konnten allerdings nicht wie - ursprünglich geplant - auf der Strecke nach Arnsdorf eingesetzt werden, da deren Elektrifizierung nicht durchgeführt worden war. Im Raum Dittersbach-Görlitz wurden sie auf den dortigen Strecken verwendet.
Nach dem zweiten Weltkrieg mußten alle sechs Maschinen in die UdSSR abgefahren werden. Soweit bekannt ist, wurden sie dort jedoch nicht eingesetzt. Als die DDR im Jahr 1952 vom sozialistischen Bruderland die beschlagnahmten Elloks zurückkaufen durfte, waren auch alle sechs E 95 dabei. Die stark beschädigten Maschinen waren bis 1959 in Magdeburg und Dessau abgestellt, da die zügige Aufarbeitung von E 44 und E 94 Vorrang hatte. Der dringende Bedarf an elektrischen Triebfahrzeugen erforderte dann aber doch die Aufarbeitung der E 95.
Nur die E 95 01 bis E 95 03 wurden wieder betriebsfähig hergestellt, die anderen drei waren Ersatzteilspender. Die geplante Aufarbeitung auch dieser Lokomotiven unterblieb wegen des großen Aufwandes. Die schwierige Ersatzteillage dieser Einzelgänger zwang später unter anderem dazu, in die E 95 die Treibradsätze der E 11/E 42 mit 50 mm kleinerem Durchmesser einzubauen.
Die drei Riesen waren zuerst kurzzeitig in Leipzig-Wahren beheimatet, kamen aber bereits 1960 zum Bw Halle P. Die Unterhaltung der Einzelgänger war sehr aufwendig. Daher wurden E 95 02 und 03 bereits nach zehn Jahren Dienst 1969 ausgemustert. Die E 95 03 erhielt zumindest buchmäßig noch die neue Betriebsnummer 255 001, wurde jedoch Ende 1970 ausgemustert.
Die E 95 02 diente danach in Halle als Trafostation für Weichenheizungen, die anderen beiden wurden verschrottet. Zur Feier "100 Jahre elektrische Lokomotiven" im Jahr 1979 wurde die E 95 02 äußerlich aufgearbeitet. Seither wird sie als rollfähige Museumslok des Verkehrsmuseums Dresden erhalten. Die BSW-Gruppe des Bw Halle P kümmert sich vorbildlich um das letzte Exemplar der größten und schwersten deutschen Ellokbaureihe.
Modelloptik
Brawa hatte sich zum Ziel gesetzt, das Modell der E 95 zuerst in der Ausführung zu bringen, die exakt der noch in der Aufarbeitung begriffenen Museumslok des Verkehrsmuseums Dresden entspricht. Das imposante Erscheinungsbild dieser größten deutschen Ellok wurde hervorragend getroffen. Dies liegt nicht nur an maßstäblichen Hauptabmessungen, sondern insbesondere an der in Summe vielen stimmigen Details, die den rundum gelungenen Gesamteindruck entstehen lassen.
Die beiden fast identischen Gehäuse bestehen aus Kunststoff und sind aufwendig aus fünf Hauptbauteilen zusammengesetzt, wobei die Stoßstellen - insbesondere beim Dach - kaum auszumachen sind.
Die in Eigenentwicklung entstandenen Stromabnehmer sind eine Nachbildung des Stromabnehmer-Typs SBS 10 mit korrekt nachgebildeten Rillenisolatoren. Genau dieser Typ mit 1950 mm Schleifstückbreite, der normalerweise nur auf DB-Altbauloks zu sehen war, wird bei der fertig restaurierten E 95 zum Einsatz kommen (abweichend vom Ablieferungszustand mit SBS 9, Glockenisolatoren und 2100 breiten Schleifstücken).
Durch die Einhaltung aller wichtigen Abmessungen und die Verwendung von Draht mit einem Durchmesser von 0,3 mm im Bereich der Oberschere entstand ein absolut korrekter Gesamteindruck. Hervorzuheben ist dabei die bei einem Großserienmodell erstmalige Nachbildung der Schleifstückabfederung durch funktionsfähige feine Wippenfedern. Eine Andeutung des Stromabnehmer-Antriebs fehlt, lediglich der zugehörige Luftdurchführungsisolator ist vorhanden.
Die vollständige Nachbildung der Dachausrüstung schließt die Verbindungsleitungen zum Hauptschalter bzw. Oberspannungswandler ein. Sie sind an den zugehörigen Isolatornachbildungen angespritzt und haben deren braune Farbe. Mit etwas roter Farbe können diese Leitungen eingefärbt werden.
Gleiches gilt für die Tragrohre und die Füße der Gockenisolatoren, die ebenfalls die (prinzipiell korrekte) Farbe der Isolatoren aufweisen. Diesem fertigungsbedingten Umstand kann mit zur Dachleitung passender roter Farbe abgeholfen werden.
Nicht ganz korrekt dürfte die Form des Isolators vom Überspannungsableiter sein, wenn nach dem Wiederaufbau des Vorbildes dort das gleiche Bauteil verwendet wird, das bisher auf der E 95 zu finden war. Nur bei diesem Isolator müßte die Verbindungsleitung zur Dachleitung noch nachgerüstet werden.
Besonders hervorzuheben sind auf dem Dach außerdem der separat angebrachte Luftkühler, die einzeln angesetzten Laufbretter und die Abdeckungen über den (tatsächlich beim Modell vorhandenen) Ausblasöffnungen der Trafokühlung. Vervollständigt wird der gute Gesamteindruck des Daches durch die korrekte Nachbildung aller Deckleisten und Dachhauben mit ihren zahlreichen Nietenreihen.
Ein interessantes Detail sind die angeformten Fußplatten für den Stromabnehmertyp HISE 7, für den das Vorbild in den 40er Jahren vorbereitet worden war. Diese Fußplatten werden auf dem Vorbild auch weiterhin verbleiben.
Die Seiten- und Stirnwände des Lokkastens zeichnen sich durch eine feine und nicht aufdringlich wirkende Gravur der zahlreichen Nieten aus. Korrekt ausgeführte Lüfterklappen, paßgenau eingesetzte Fenster und separat angesetzte Griffstangen. Besonders filigran und trotzdem unempfindlich: das Geländer auf dem Umlaufblech im Bereich des Trafovorbaues! Signallaternenhalter an der Stirnseite und aus geätztem Blech bestehende Scheibenwischer sollen beispielhaft für die exakte Detaillierung stehen.
Bestechend auch der Detailreichtum des Fahrwerkes. Die an der Nachbildung des Rahmens aus Kunststoff jeweils separat angesetzten Nachbildungen der Bremsklötze, des Bremsgestänges sowie der Sandfallrohre mit ihren Halterungen, die sich gegenseitig durchdringen, stellen eine Meisterleistung des Modellbaus dar.
Ebenfalls separat angesetzte Bremszylinder, Achslagergehäuse, Luftbehälter mit Leitungen, das Sifa-Gerät mit freiliegender Antriebswelle, Bremssandbehälter und Werkzeugkästen machen den Rahmenbereich des Lokmodells zu einer Augenweide. Da fällt es fast nicht auf, daß der Ölabscheider fehlt. Auf der Kuppelseite der beiden Lokhälften sind sogar die Stoßpuffer mit ihren dachförmigen Gegenstücken exakt nachgebildet.
Das ganze Lokmodell ist in den korrekten Farben in tadellosem Finish lackiert, besonders hervorzuheben sind die schwarz abgesetzten Deckleisten und die roten Steckdosen für die Stirnbeleuchtung und die ebenfalls roten Nachbildungen der Prüfsteckdosen.
Schriftgröße und -typen sind absolut korrekt wiedergegeben. Inhaltlich entsprechen die Anschriften exakt dem bisherigen Zustand des Vorbildes, wie es wohl nach der Fertigstellung wieder aussehen wird.
Technik
Gut gelöst wurde die Gehäusebefestigung. Nach dem Trennen des mit 6 (!) Kontakten versehenen speziellen Kurzkupplungskopfes lassen sich die beiden Lokhälften zunächst problemlos auseinanderziehen. Dann kann an jeder Lokhälfte eine Durchgangsschraube gelöst werden. Danach läßt sich das Gehäuse nach oben klappen und nach vorn abziehen.
Zum Vorschein kommt ein massiver Rahmen aus Zinkdruckguß, in dem in jeder Lokhälfte ein fünfpoliger, offener Motor aus der Produktion des chinesischen Herstellers auf 4 Gummifüßen ruht. Die Verbindung zur Schneckenwelle des Getriebes erfolgt durch eine Kunststoff-Kupplung, die auf der Motorwelle zusätzlich eine Schwungscheibe aufnimmt. Über ein Stirnradgetriebe werden jeweils alle Treibachsen einer Lokhälfte angetrieben.
Bereits bei knapp 2 Volt setzt sich das Modell in Bewegung und zeigt über den gesamten Regelbereich hervorragende Laufeigenschaften. Allerdings waren die beiden bei 12 V mit ca. 14.000 U/min laufenden Motoren bei unserem Testmodell nicht zu überhören: Ohne Gehäuse laufen die Fahrwerke durchaus akzeptabel leise, mit aufgesetztem Gehäuse sorgen die Schwingungen der nicht gewuchteten Motoren für deutliche Resonanzgeräusche.
Angesichts der ermittelten Zugkraft befindet sich dieses Modell in guter Gesellschaft mit den übrigen vergleichbaren Brawa-Triebfahrzeugmodellen und somit im oberen Level.
Wie beim Vorbild konnten auch beim Modell der E 95 die bei Brawa bereits vorhandenen Radsätze der E 11/E 42 verwendet werden. Identisch daher die in Form isolierter Halbachsen hergestellten Radsätze, die in isolierten Blechrahmenteilen gelagert keiner gesonderten Kontaktschleifer bedürfen.
Aufwendig wird mit einem Festspannungsregler eine gleichmäßig niedrige Spannung für die Stirnbeleuchtung erzeugt, die mit der Fahrtrichtung wechselt. Die in den Signallaternen untergebrachten Micro-Glühlämpchen sorgen für eine gleichmäßige Helligkeit über den gesamten Regelbereich.
Der vorbildgerecht kurze Abstand der beiden Lokhälften wird durch eine Kulissenführung der Kupplung gewährleistet. Gleiches gilt für die in die Luftbehälter integrierten Normschächte an den Stirnseiten des Lokmodells. Allerdings wurde die durch die Kulissenführung erzeugte Deichselverlängerung offensichtlich zu knapp bemessen, so daß für den Einsatz von Kurzkupplungsköpfen um 1 mm kürzere Puffer beigelegt wurden.
Fazit
Das hervorragende Modell eines markanten Vorbildes überzeugt insbesondere durch die konsequente Wiedergabe aller wichtigen Details. Wünschenswert wäre jedoch eine deutliche Absenkung des Geräuschpegels. bz
Maßtabelle E 95 von Brawa in H0
| | Vorbild | 1:87/NEM | Modell |
| Länge über Puffer: | 20 900 | 240,2 | 240,9 |
| Länge über Kasten: | 19 600 | 225,3 | 226,3 |
| Abstand Lokhälften: | 270 | 3,1 | 3,3 |
| Dachoberkante: | 3 872 | 44,3 | 44,0 |
| Gesamthöhe (Stromabnehmer gesenkt): | 4 650 | 53,4 | 53,4 |
| Breite Lokkasten: | 2 950 | 33,9 | 34,0 |
| Breite über Griffstangen: | 3 160 | 36,3 | 36,0 |
| Gesamtachsstand: | 17 600 | 202,3 | 203,0 |
| Gesamtachsstand je Fahrzeughälfte: | 6 800 | 78,2 | 78,2 |
| Achsabstand Treibräder: | 2 300 | 26,4 | 26,4 |
| Achsabstand Treibräder-Laufachse: | 2 200 | 25,3 | 25,3 |
| Ursprungszustand: | 1 400 | 16,1 | - |
| Museumslok (wg. Verwendung von Rädern der E 11/E42) | 1 350 | 15,5 | 15,5 |
| Radsatzmaße entsprechend NEM |
| Radsatzinnenmaß: | - | 14,3+0,1 | 14,3 |
| Radbreite: | - | 2,8min | 2,9 |
| Spurkranzhöhe: | - | 1,2max | 1,2 |
| Spurkranzbreite: | - | 0,7-0,9 | 0,8 |
| Alle Maße in mm |
Meßwerte E 95
| Gewicht Lok: | 555 g |
| Haftreifen: | 4 |
| Meßergebnisse Zugkraft |
| Ebene: | 142 g |
| 3% Steigung: | 128 g |
| Geschwindigkeiten (Lokleerfahrt) |
| Vmax: | 102 km/h bei 12 V |
| VVorbild: | 70 km/h bei 7,8 V |
| Vmin: | ca. 5,5 km/h bei 1,7 V |
| Auslauf |
| aus Vmax: | 146 mm |
| aus VVorbild: | 80 mm |
| Lichtaustritt |
| vorn: | ab 15 km/h bei 2,5 V |
| hinten: | ab 15 km/h bei 2,5 V |
| Motoren |
| Anzahl: | 2 |
| gewuchtet: | nein |
| Schwungscheibe |
| Anzahl: | je Motor 1 |
| Durchmesser: | 15,0 mm |
| Länge: | 5,0 mm |
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